Im Rahmen des neuen “Weihnachtspfarrbriefs” hat Mag. Walter Achleitner - ein neues Mitglied im Redaktionsteam - ein längeres Interview mit unserem neuen Pfarrer Dr. Thomas Kunnappallil gemacht.
Aus platztechnischen Gründen haben wir nur einen Teil davon im aktuellen Pfarrbrief veröffentlicht.
Allen Interessierten wollen wir aber gerne das Interview in seiner Gesamtheit nicht vorenthalten:
Überall sehe ich fleißige Hände
„Es war ein schöner Start“, sagt Thomas Kunnappallil im Gespräch mit Walter Achleitner. Oberndorfs neuer Pfarrer über seine ersten 100 Tage in der Stille-Nacht-Gemeinde und die Thomas-Christen in Indien.
Beim ersten Gottesdienst Mitte September war die Kirche überraschend voll. Was war der erste Eindruck von Göming und Oberndorf für Pfarrer Thomas Kunnappallil?
Der Empfang war sehr herzlich. Die Menschen waren sicher auch neugierig auf den neuen Pfarrer. Ich hatte sofort einen positiven Eindruck. Die Gemeinde zeigte großes Interesse, und der Einstand wirkte sehr würdig. Der Pfarrgemeinderat und die Vereine hatten alles gut organisiert. Beeindruckt hat mich, dass auch viele Vertreterinnen und Vertreter der politischen Gemeinden aus Göming und Oberndorf gekommen waren. Ich habe mich sehr wohlgefühlt. Es war ein schöner Start!
Für Oberndorf ist es neu, dass der Pfarrer darum bittet, mit ihm möglichst Hochdeutsch zu sprechen. Gelingt das?
Zum Glück verstehe ich vieles, auch im Dialekt. Trotzdem bin ich jeder und jedem dankbar, die Hochdeutsch mit mir sprechen.
Welche Sprache ist eigentlich deine Muttersprache?
Sie heißt Malayalam. In dieser Sprache habe ich auch meine Matura gemacht. Danach habe ich nur noch Englisch gesprochen – das war Pflicht im Priesterseminar, weil die Studenten aus verschiedenen Bundesstaaten kamen. Jede Region hat ihre eigene Sprache, oft sogar mit ihrer eigenen Schrift. Im Seminar waren es vielleicht 30 oder 40 unterschiedliche Sprachen. Indien hat alleine 29 Amtssprachen.
In welcher Sprache betest du?
Früher habe ich immer auf Englisch gebetet. Seit ich in Österreich bin, bete ich oft auf Deutsch. Den Rosenkranz bete ich immer auf Englisch. Das Brevier, das tägliche Gebet der Priester, dagegen auf Deutsch.
Gar nicht in Malayalam?
Obwohl Malayalam meine Muttersprache ist, beherrsche ich sie kaum noch. Zu Hause spreche ich sie zwar mit meinen Eltern und Geschwistern. Ich höre Nachrichten, sehe Filme. Aber ich habe diese Sprache nie mehr richtig verwendet. Deshalb fällt es mir heute schwer, in meiner Muttersprache zu predigen.
In Indien gibt es eine sehr alte christliche Tradition, die direkt mit deinem Vornamen in Verbindung steht. Wer sind die Thomas-Christen?
Das Christentum kam sehr früh nach Indien – noch bevor es Europa erreicht hat. Bereits um das Jahr 50 soll der Apostel Thomas das Evangelium nach Indien gebracht haben. Dort entstanden erste christliche Gemeinden, die später syro-malabarische Christen genannt wurden. Erst mit den Portugiesen ab 1488 kam die römisch-katholische Kirche nach Indien. Bis ins 16. Jahrhundert gab es in Indien nur die Thomas-Christen.
Die Thomas-Christen sind eine katholische Gemeinschaft, der auch meine Familie gehört. Nach der Überlieferung hat der Apostel Thomas in Indien das Evangelium verkündet und die ersten sieben christlichen Familien getauft. Sie sind sehr kirchentreu, verbunden mit vielen mystischen Elementen. Ein Sonntagsgottesdienst kann zwei Stunden dauern – und niemand beschwert sich, denn es wird viel und festlich gefeiert.
Was zeichnet diesen syro-malabarischen Gottesdienst aus?
Es wird viel gesungen. Der Priester singt – vom ersten bis zum letzten Gebet. Auch die Gemeinde ist stark daran beteiligt. Die Gläubigen singen und beten viel mit, deutlich aktiver als beim römisch-katholischen Gottesdienst in Europa.
Thomas gilt als „der Ungläubige“: Der Apostel könne erst an die Auferstehung glauben, wenn er selbst die Wunden Jesu berührt hat. Was bedeutet dieses biblische Bild in einer Zeit, in der viele Menschen mit Zweifeln leben?
Glauben ist nie einfach. Allein zu glauben ist schwer. In der Gemeinschaft fällt es leichter. Glaube lebt gerade davon, dass man nicht alles beweisen kann. Für mich ist es ein großer Trost, wenn ich mit Vertrauen, Zweifeln und Fragen zu Gott kommen darf. Wir müssen Gott nichts beweisen. Wir dürfen mit unserem kleinen Glauben vor ihn treten.
Warum fällt es vielen Menschen leichter, wenn sie ihren Glauben in Gemeinschaft leben?
Gemeinsam den Glauben zu feiern, ist leichter. Man erfährt Unterstützung. Wenn man miteinander über den Glauben spricht und einander zuhört, dann kann die Erfahrung des anderen mir Kraft geben. Vielleicht hat jemand etwas erlebt, das mich stärkt oder mir Antworten auf eigene Fragen gibt. So kann auch mein eigener Glaube wachsen.
Wir denken oft, wir müssten alles selber schaffen. Doch das stimmt nicht. Vor Gott dürfen wir so sein, wie wir sind – mit allen Schwächen und Fehlern. Gott versteht uns. Wichtig ist nur die Offenheit zu erkennen, dass wir nicht unser eigener Herr sind. Alles, was wir sind und haben, ist ein Geschenk Gottes.
Bald ist Thomas Kunnappallil 100 Tage Pfarrer in Oberndorf. Welche Eindrücke und Erfahrungen nimmst du aus dieser Anfangszeit mit?
Viele Menschen sind bereit mitzuarbeiten und mich zu unterstützen. Sie engagieren sich wirklich. Überall sehe ich fleißige Hände. Das tröstet mich, denn ich muss nicht alles alleine machen. Wir tragen die Pfarre gemeinsam. Ich bin zuversichtlich und froh, dass es so gut läuft. Deshalb möchte ich alle einladen, sich in der Pfarre einzubringen. Eine Pfarre funktioniert nur, wenn jede ihren und jeder seinen Beitrag leistet.
Wie war der Abschied von den bisherigen Pfarren Faistenau und Hintersee?
Der Abschied war nicht leicht. Doch wie ich im ersten Gottesdienst gesagt habe: Neues zu wagen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen, gehört zum Leben. Diese Erfahrung habe ich bereits öfter gemacht. Mit 15 Jahren verließ ich meine Familie, um in das Seminar einzutreten – zuerst in Kerala, dann in andere Bundesstaaten, und zuletzt weit weg von Zuhause in der Mission.
Jeder Schritt war ein Aufbruch, ein Wagnis, ohne zu wissen, was kommt. Ich hätte nie gedacht, einmal nach Europa zu gehen. Als ich nach Salzburg kam, sollte ich nach dem Studium zurückzukehren nach Indien. Heute bin ich Priester der Erzdiözese Salzburg und österreichischer Staatsbürger. Wenn ich auf 50 Lebensjahre zurückblicke, erkenne ich: Gott hat mich geführt. Dass ich heute in Oberndorf bin, ist für mich Fügung.
Hintersee und Oberndorf haben auch etwas Gemeinsames: Beide Orte sind Stille-Nacht-Gemeinden.
Ja, Josef Mohr war auch Pfarrer in Hintersee – nur in umgekehrter Reihenfolge: erst Oberndorf, dann Hintersee. Was uns jedoch unterscheidet: Ich bin nicht musikalisch. Wenn ich hier singe, bin ich oft nervös. Ich hatte keine Möglichkeit zur musikalischen Ausbildung. Als Kind und Jugendlicher habe ich viel lieber Sport gemacht.
Die gemeinsame Stille-Nacht-Tradition ist für mich etwas Besonderes. Dieses Lied verbindet Menschen weltweit und prägt auch die Identität der Gemeinden. In Hintersee wie in Oberndorf erinnert es daran, wofür wir als Kirche und Gesellschaft stehen: Frieden, Hoffnung und gelebte Gemeinschaft.
Was verstehst du als die Botschaft von Stille Nacht?
Advent und Weihnachten in Oberndorf – auf mein erstes Weihnachten hier bin ich schon sehr gespannt. Wo könnte die Botschaft von Stille Nacht stärker klingen als an diesem Ort! Stille Nacht ist eine Botschaft des Friedens und der Nähe Gottes zu den Menschen.
Das Thema Frieden ist aktueller denn je – in Europa und weltweit. Oft herrscht Unfriede, Menschen stehen gegeneinander statt miteinander zu leben. Doch Frieden beginnt im Herzen jedes Einzelnen: in mir, in meiner Familie, in unserer Gemeinde und schließlich in der Welt. Jeder kann in seinem Umfeld Frieden stiften. Wir dürfen nicht vergessen: Der wahre Friede kommt von unserem Friedensfürsten, von Gott – nicht von politischen Machthabern.
Hast du Stille Nacht auch schon im indischen Kerala gesungen?
Ja, natürlich! Zu Weihnachten haben wir das Lied immer in der Kirche gesungen – nicht zu Hause. In unserer traditionell syro-malabarischen Familie spielt sich das religiöse Leben fast ausschließlich in der Kirche ab. Der ganze Advent ist bei uns eine Fastenzeit, die erst mit der Christmette endet. Aber dann wird gefeiert – und zwar so richtig!
Zu Weihnachten schreiben Menschen ihre Wünsche ans Christkind. Was wünscht sich Pfarrer Thomas für sein erstes Weihnachtsfest in Oberndorf?
Mein größter Wunsch ist, dass unsere Pfarrkirche in Oberndorf zu Weihnachten wirklich voll besetzt ist.
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